Mitternachtsmission
DIE GESUNDEN BEDÜRFEN DES ARZTES NICHT, SONDERN DIE KRANKEN. ICH BIN GEKOMMEN, DIE SÜNDER ZUR BUSSE ZU RUFEN UND NICHT DIE GERECHTEN!
LUKAS 5, 31 + 32
Es war etwa zwei Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, als mich ein Pastor der Berliner Stadtmission ansprach: „Fräulein Teubner, Sie sollten auf die Straßen Berlins gehen und die prostituierten Mädchen und Frauen nach Mitternacht ansprechen und zu Jesus führen!“ „Ich!?“ sagte ich entsetzt, „ich kann das doch nicht und habe keine Ahnung von dem, was eine Prostituierte ist und tut!“ - „Beten Sie darüber und lassen Sie es sich von Gott zeigen, was Sie tun sollen!“ antwortete mir Pastor Raeder, ein feuriger Zeuge Jesu. Ich betete darüber und legte Gott meine Unfähigkeit und Unwissenheit im Gebet hin, und bat um die rechte Führung. In dieser Zeit lernte ich eine gläubige Krankenschwester, Martha Scharbius mit Namen, kennen, die auch eine feurige Zeugin Jesu war, und dazu eine waschechte Berlinerin, die sich vor nichts fürchtete. Ich sagte ihr von meinem Auftrag, und sie meinte: „Das ist kein Problem. Wir können zusammen auf die Strassen gehen und die Mädchen ansprechen.“ „Aber wo denn nur?!“ fragte ich sie. Selbstverständlich auf dem Kuhdamm,“ (wie die Berliner den großen Kurfürstendamm nannten, der einer der Vergnügungsviertel Berlins ist). sagte sie. So kam sie spät an einem Abend zu mir und wir bereiteten uns im Gebet auf das Abenteuer vor. Der Kuhdamm war nicht weit von meiner Wohnung entfernt, und wir gingen gemeinsam durch die schlafende Stadt. Doch am Kuhdamm an einer Straßenkreuzung sahen wir zwei Mädchen stehen und gingen auf sie zu. Doch blitzschnell verschwanden sie, als sie uns beide kommen sahen. Merkwürdig! dachten wir und gingen zu einer anderen Straßenkreuzung, wo das gleiche geschah und die Mädchen verschwanden, als sie uns kommen sahen. Warum wohl?! Da kam Schwester Martha ein Gedanke: „Ich gehe allein zu den Mädchen an der nächsten Straßenecke und Du versteckst Dich hier, bis ich zurückkomme!“ sagte sie, und machte sich auf den Weg zu der nächsten Straßenecke und ging auf die zwei Mädchen zu, die dort standen und diesmal nicht wegliefen, als sie sich ihnen näherte. „ Ich bin Schwester Martha!“ sagte sie freundlich, „ich möchte Ihnen helfen, wenn Sie in Not sind und Hilfe brauchen! Ich habe Sie lieb!“ Das hatten diese Mädchen noch nie gehört, dass sie jemand lieb hatte und ihnen helfen woIlte! Bisher waren sie immer die Geächteten und Verachteten, und nun kam jemand der überzeugend ihnen sagte: „ich habe Euch lieb!“ Und ehe es sich Schwester Martha versah, umarmte sie eine der Mädchen und küsste sie mit ihren knallroten Lippen! Diese Reaktion hatte Schwester Martha nun doch nicht erwartet, aber sie sagte ihnen: ,,Ich komme morgen Abend wieder.“ „ Wie heißt ihr denn?!“ „ Ich heiße Püppi, und ich heiße Mitzi!“ sagten die beiden sichtlich erfreut, „und auf Wiedersehen bis morgen!“ Mit großer Bewegung kam Schwester Martha zu mir und sagte: „sie haben mich geküsst, bin ich nicht ganz rot von ihren roten Lippen!?“ Doch wir beide freuten uns über diese unerwartete Reaktion der Mädchen!
Am nächsten Abend ging Schwester Martha allein auf den Kuhdamm, und diesmal kamen ihr einige der Mädchen schon entgegen und sagten ihr: „Wir haben auf Dich gewartet, willst Du sehen, wo wir wohnen und wo wir arbeiten?“ Und so gingen sie mit ihr in ihre Unterkünfte und Bordelle und alle, die sie dort antraf, wussten, dass sie Schwester Martha war, die sie lieb hatte und nahmen sie freundlich auf, und sprachen in ihrem Berliner Jargon mit ihr, was sie gleichfalls erwidern konnte. Ich war in dieser Zeit anderweitig beschäftigt, aber wir beteten weiter zusammen und sie erzählte mir von ihren wunderbaren Abenteuern! „Lottchen,“ sagte sie zu mir, „wir brauchen ein Haus für diese Mädchen und Frauen, die aus ihrem Elend herauskommen wollen, aber nicht wissen, wohin!“ „Lass uns dafür beten, bei Gott sind alle Dinge möglich!“, sagte ich ihr. Schwester Martha hatte inzwischen ihren Dienst als Krankenschwester aufgegeben, um sich ganz der Mitternachtsmissionsarbeit zu widmen.
Zu Weihnachten hatte sie eine Feier für die Mädchen vorbereitet, wozu auch der Direktor der Berliner Stadtmission eingeladen war, und auch ich teilnehmen konnte. Keine dieser jungen Frauen hatte eine Familie, mit der sie feiern konnte, und so war der Heilige Abend der traurigste Tag im Jahr für sie. Wie freuten sie sich aber, als Schwester Martha sie zu dieser besonderen Feier einlud, und sie kamen alle! Im festlich und weihnachtlich geschmückten Saal saßen wir alle beieinander, und der Pastor hatte eine ihnen angepasste Weihnachtspredigt vorbereitet, und wir sangen die alt bekannten Weihnachtslieder. Doch als wir das Lied „Stille Nacht“ ankündigten, gingen alle hinaus aus dem Saal. Nur der Pastor, Martha und ich blieben allein und sangen allein das Lied vom holden Knaben im lockigen Haar. Als wir fertig waren mit unserem dreistimmigen Gesang, kamen alle wieder in den Saal, und wir fragten sie später: “Warum seid Ihr denn alle weggelaufen!“ – „Ach“, sagten sie, „Wir müssen immer weinen, wenn wir dies Lied hören, weil es uns so an unsere eigene Kindheit erinnert!“
Eines Tages kam Schwester Martha ganz aufgeregt zu mir und sagte: „Lottchen, stell Dir vor, der HERR hat mir ein Haus geschenkt, für unsere Mädchen!“ „Ein Haus?“ sagte ich ungläubig. „Eine Hütte vielleicht irgendwo in einem verkommenen Viertel?“ „Nein“, sagte sie strahlend, „eine Villa in einem ganz vornehmen Viertel hier in der Nähe! Ein reicher gläubiger Mann hörte von unserer Arbeit und sagte, er würde sein Haus in Eichkamp, das er nicht bewohnt, uns für die Mädchen zur Verfügung stellen!“ „In Eichkamp, wo alle die Reichen wohnen, ein Haus für die Prostituierten?! Das ist doch gar nicht möglich!“ „Doch, bei Gott sind alle Dinge möglich!“ sagte sie triumphierend! Und das Haus in dem vornehmen Villenviertel wurde mit Möbeln ausstaffiert und bewohnbar für die Mädchen gemacht, und Schwester Martha nannte es „Haus Morgenstern“! Und hier wurde das Evangelium den verachteten Prostituierten verkündigt, die ihr bisheriges Leben und „Geschäft“ verlassen hatten und ein neues Leben mit Jesus anfangen wollten. Es war ein nicht leichtes Leben hier in dieser so ganz neuen Umgebung, nach Jahren in Finsternis und Unmoral nun im Haus „Morgenstern“ !
Doch Schwester Martha brauchte Mitarbeiter für diese neue Art der Arbeit. Die Berliner Stadtmission übernahm das Haus und die neue Arbeit und schickte eine gebildete jüngere Schwester, die nicht die Arbeitsmethoden wie Schwester Martha hatte, die auch nicht den Berliner Jargon sprach, und von daher die Mädchen nicht entsprechend ansprechen konnte. So sah sich Schwester Martha genötigt, die Mitternachtsmissionsarbeit in Berlin ganz der Stadtmission und ihren Mitarbeitern zu übergeben. Sie fing mit ihrer jüngeren Schwester eine neue Arbeit in Frankfurt/Main an, die bald wuchs und blühte. Gott gab ihnen die nötigen Mittel und segnete die Arbeit. Eines Tages kam ein Mädchen zu ihr, mit der sie über Jesus sprach. Doch während dieses Gespräches bekam sie einen Tetanie Anfall, (denn sie litt schon längere Zeit an Tetanien), den sie aber nicht überstand, sondern sie wurde von ihrem HERRN in die Herrlichkeit gerufen!
Die jüngere Schwester führte die von ihrer älteren Schwester angefangene Arbeit fort, und der HERR, dem beide dienten, hat kostbare Menschenleben durch ihren Dienst retten können, die aus der Finsternis in Sein Licht gekommen waren und die Schwester Martha in der Herrlichkeit wiedersehen wird!
Lob und Dank sei Jesus, dem Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinweg trägt, auch die Sünden der Prostituierten, die zu IHM gefunden haben! IHM sei alle Ehre in Ewigkeit
Der Name des HERRN ist eine feste Burg
DER NAME DES HERRN IST EINE FESTE BURG; DER
GERECHTE LÄUFT DORTHIN UND WIRD BESCHIRMT.
Sprüche 18,10
Es war im Zweiten Weltkrieg in Berlin. Nachts - wieder war Fliegeralarm. Die Bewohner des vierstöckigen alten Hauses, in dem 60 Familien wohnten stürzten, dürftig bekleidet mit den wichtigsten Papieren in den Händen in den Luftschutzkeller, wo jede Familie ihre alten Stühle oder Bänke aufgestellt hatte, um dort die Bombenabwürfe der feindlichen Flieger abzuwarten, immer hoffend, dass sie nicht unser Haus am Stuttgarter Platz 16, aber dicht am Verkehrsknotenpunkt Charlottenburg, treffen würden, und ihre Bomben in einem anderen Stadtteil abladen würden. Familie Teubner saß ruhig auf ihren alten Stühlen und betete. Die 22-jährige Tochter Charlotte, die in Abendkursen sich auf ihr Abitur vorbereitete, studierte in ihren Schulbüchern. „Brandbomben auf dem Dach unseres Hauses!“ meldete der Luftschutzwart. Nach der Entwarnung stürzten sich besonders die Männer und Jugendlichen auf das Dach wo es brannte, und in einer langen Eimerkette wurde das Wasser auf das brennende Dach gegossen, sodass das Feuer nicht weiter um sich greifen konnte. Das war noch mal gut gegangen, dachten die Hausbewohner, als sie sich wieder in ihre Betten begaben. Doch Familie Teubner dankte dem HERRN für Seine Bewahrung! Doch eines Nachts hatten es die Bomber auf Charlottenburg und besonders den Bahnhof abgesehen, mit Sprengbomben diesmal! Wir hörten die Einschläge rings um uns her, bum! – bum! –bum! Und jedes Mal war es, als würde die Erde unter uns hochgehoben werden! Die Leute im Luftschutzkeller schrieen vor Angst, einige beteten. Auch Familie Teubner war nicht wohl dabei, und betete. Würde es uns wohl diesmal treffen und uns lebendig unter den Trümmern des großen Hauses begraben? Auch die Tochter Charlotte, die sonst nie Angst hatte, merkte, dass es diesmal ernst war. Da gab ihr Gott ein Wort aus dem 90. Psalm:
„HERR GOTT, DU bist unsere Zuflucht für und für!“ Und immer wieder, bei jedem Bombeneinschlag ganz in der Nähe wiederholte sie es „HERR GOTT; DU bist unsere, DU bist meine Zuflucht für und für!“ Und damit war sie zu dem sichersten Zufluchtsort gelaufen, den es in der Welt gibt, in die sicheren Arme des ewigen Gottes, der in Jesus Christus ihr Vater geworden war. Nach der Entwarnung sahen wir etwas von den Zerstörungen um uns her, fast jedes zweite Haus war getroffen, doch Nr.16 war verschont geblieben! Wunder der Gnade, GOTT unser sicherer Zufluchtsort! Im Glauben durften wir zu diesem sicheren Zufluchtsort laufen, und wurden beschirmt, danke HERR!
Der Krieg war zu Ende, der Kampf um Berlin, die Hauptstadt, mit dem Selbstmord-Tod des Führers, war beendigt. Gefangene deutsche Soldaten schlichen sich müde durch die Straßen mit den vielen zerstörten Häusern. Wir Hausbewohner blieben in den unterirdischen Luftschutzräumen, auch wenn keine Bomben mehr fielen. Das Haus war noch intakt, doch keiner wagte es, sich lange in der Wohnung aufzuhalten, denn jetzt kam die andere Gefahr: Die betrunkenen russischen Soldaten, die, wie wir später hörten, „Plündererlaubnis“ für drei Tage bekommen hatten. Wo oder wie sind wir jetzt sicher? In unsere Wohnung im ersten Stock waren schon einige russische Soldaten eingedrungen und verlangten von meiner Mutter Wodka ‚ Alkohol. In den Läden hatte man in den letzten Tagen alle Flaschen mit Alkohol an alle Haushalte verschenkt, und so wurden auch wir mit zwei Flaschen beglückt, wo sonst kein Tropfen Alkohol in unserem Haushalt zu finden war. So leerte meine Mutter die eine Flasche ganz aus und die andere halb in den Ausguss und gab die halbe Flasche dem Soldaten. Dieser verlangte nun von meinem Vater seine Uhr und bedrohte ihn mit dem Gewehr. Als sie fort waren und es dunkel wurde, sagte meine Mutter mir, dass ich wohl am sichersten unten in unserem Holzkeller und Abstellraum sein würde, und sie schloss mich dort mit einem Vorhängeschloss sicher ein. Da saß ich nun im Dunkeln und hörte, wie die russischen Soldaten in all die verschiedenen Abstellkeller der anderen Hausbewohner eindrangen und nach Schätzen suchten, und alles auf den Gang warfen. Mit ihren Gewehren brachen sie die Holztüren auf und plünderten, was sie finden konnten. „O HERR, lass sie doch nicht unseren Keller finden!“ in dem ich zusammengerollt in einer oben offenen Holzkiste saß, betete ich. Doch sie fanden ihn und da sie das Vorhängeschloss nicht gleich aufbekamen schlugen sie die Tür ein. Es waren wohl vier Russen. die mit ihren Taschenlampen eindrangen und den Raum erleuchteten. Was sollte ich jetzt noch beten? Sie hatten mich doch gefunden!! dachte ich. Doch da gab mir Gott einen Gesangbuchvers in den Sinn, den ich in diesen Tagen auswendig gelernt hatte, und der mir zum Gebet wurde:
„JESUS, der DU JESUS heißt,
als ein JESUS Hilfe leist’
Hilf mit Deiner starken Hand.
Menschenhilf hat sich gewandt.
Eine Mauer um mich baue,
dass dem Feinde davor graue,
er mit Zittern sie anschaue!“
Es dünkte mich wie eine Ewigkeit, die wenigen Minuten, die die Russen in meinem Raum waren, denn immer wieder wiederholte ich diese Worte:
JESUS, JESUS, JESUS! Und damit war ich zu dem einzig sicheren Zufluchtsort gelaufen, den es in dieser Lage nur gab.
„Der NAME JESU ist eine sichere Burg, der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt!“ Was geschah? Die Russen sahen mich mit ihren Taschenlampen nicht in meiner offenen Holzkiste, drehten sich schnell um und liefen die Treppe zum Hof hinauf und machten sich auch nicht an die Plünderung der anderen Kellerräume. Es schien mir, als hätte sie Angst gepackt, vor wem? „Eine Mauer um mich baue, dass dem Feinde davor graue, er mit Zittern sie anschaue!“ hatte ich gebetet, und der HERR hat erhört! Sie sahen mich nicht, durften mich in meinem Zufluchtsort auch nicht angreifen, wie sie es bei unzählig vielen anderen Mädchen und Frauen getan hatten. Der Name Jesus ist eine Realität, in dem wir sicher sind, wenn wir zu ihm hinlaufen im Glauben!
Eine ganz andere Situation: Ich saß im Flugzeug auf dem New Yorker John Kennedy Fughafen. Ein schweres Gewitter lag über der Riesenstadt und die Flugzeuge durften nicht starten bis das Unwetter vorüber war. Wir warteten schon vier Stunden und die Riesenschlange der auf der Flugpiste wartenden Flugzeuge wurde länger und länger. Schließlich wurde der Abflug freigegeben. „Jeder muss angeschnallt auf seinem Platz sitzen bleiben, keine Stewardess rufen oder sonst jemand, denn wir müssen durch die Gewitterzone hindurch fliegen!“ Keinem war wohl zumute bei dieser Ankündigung, auch dem gläubigen Italiener neben mir nicht, der von einer Evangelisation kam und nach Hause flog. Und dann flogen wir, gerüttelt und geschüttelt und mit Blitzen rings um die Maschine, dass einem Angst und bange werden konnte. Wie lange dauerte das wohl? 10 oder 20 Minuten, die uns wieder wie eine Ewigkeit vorkamen. Ich konnte mich auch hier in den sicheren Namen Jesu bergen und bei IHM Zuflucht finden, und dies auch meinem Nachbarn sagen, der aber wohl damit noch keine Bekanntschaft gemacht hatte und nicht reagierte. “Der Name Jesu des HERRN, ist eine feste Burg, der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt!“ Auch Martin Luther wusste darum, als er nach Worms ging und dann das Lied schrieb „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. ER hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind, mit Ernst er‘s jetzt meint,… tut er uns doch nichts, das macht er ist gericht‘, ein Wörtlein kann ihn fällen!“ Und dies „Wörtlein“ ist der wunderbare Name JESUS, in dem allein Heil und Hilfe ist!
Die Seele von Waghäusel
Flüchtlingslager in Westberlin Heim „ —Henry Dunant“. 1953-1959 !
Fast sechs Jahre war es mir vergönnt, dort unter den Ostdeutschen Flüchtlingen aus der damaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) zu arbeiten. Die Bauern waren dort ihrer Bauernhöfe enteignet worden, und die Lehrer waren gezwungen, ihre Schüler in der kommunistischen Lehre zu unterrichten. Privatbesitz gab es nicht mehr, alles gehörte dem Volk, und die enteigneten Betriebe wurden „Volkseigene Betriebe“ genannt, wo die Arbeiter für niedrigen Lohn arbeiten mussten. Nach jedem Arbeitstag mussten sie alle an der kommunistischen Schulung teilnehmen die, dafür besonders ausgebildete Professoren ihnen gaben. Oft gab es dann bei „Entschließungen“ eine Abstimmung, wo alle die dabei waren ihre Hand heben mussten, und danach wurde gefragt: „Wer ist dagegen?“ Da erhob sich in einem „Volkseigenen Betrieb“ immer eine Hand: „Johannes L. Ist dagegen!“ Als dem Betriebsleiter gesagt wurde, „Du musst diesen Reaktionär rauswerfen oder anzeigen!“ sagte er: „Das kann ich nicht, dieser Mann ist mein bester Arbeiter ohne den der Betrieb nicht läuft!“ So blieb Johannes, der Leiter eines lebendigen Gemeinschaftsjugendkreises, den ich auch des öfteren besuchen durfte, der verantwortliche Arbeiter im Betrieb! Aber er hatte seinen Spitzel, der ihn beobachten musste und der Polizei berichten, was er gesagt hatte im Jugendkreis und was er sonst tat. Als ich einmal mit ihm durch die Strassen seiner Stadt ging, sagte er: „Da drüben geht mein Spitzel!“ und er winkte ihm freundschaftlich zu. Einmal wurde er zur Polizei beordert, die ihm sagte: „Wenn Ihr Spitzel zu uns kommt, wissen wir nicht, ob er die Wahrheit sagt, doch von Ihnen wissen wir, dass Sie immer die Wahrheit sagen!!“ Welch ein Zeugnis in dieser gefahrvollen Situation!
Viele Familien, die all ihr Eigentum verloren hatten, und ihre Kinder der kommunistischen Gott-losen Schulung nicht länger aussetzen wollten, verließen Heimat, Haus und Hof, was ihnen ja sowieso nicht mehr gehörte, und flohen bei Nacht und Nebel nach Westberlin. Es war damals noch möglich mit der Stadtbahn in den West-Sektor von Berlin zu kommen und die Polizeisperren zu umgehen. So kamen jeden Tag hunderte manchmal auch tausende von Flüchtlingen nach Westberlin wo viele Tausende von Ostflüchtlingen in Lagern untergebracht waren. Eins diese Lager war „Heim Dunant“, wo ich versuchte mit Flüchtlingen, die oft nur kurze Zeit dort waren, bevor sie nach Westdeutschland ausgeflogen wurden, in Kontakt zu kommen. Sonntagvormittag hatten wir Lager-Gottesdienst, und an manchen Nachmittagen Kinder- und Jugendstunden, wo wir oft die Jugendlichen in unser eigenes Flüchtlings-Missions-Heim mit dem Auto eines amerikanischen Missionars mitnahmen .
Unter den Flüchtlingen, die treu am Sonntagsgottesdienst teilnahmen, sprach mich eine Familie an, die ich als wiedergeborene Christen erkannte, und mit denen ich gute Gemeinschaft hatte. Auch als sie nach Westdeutschland ausgeflogen worden waren, blieb ich in schriftlichem Kontakt mit ihnen und sie luden mich ein, sie an ihrem neuen Wohnort zu besuchen. Bei einem Besuch in Westdeutschland, konnte ich sie an ihrem Ort, der Waghäusel hieß, besuchen. Sie erzählten mir begeistert von einer gläubigen Frau, die die Schwester des steinreichen Zuckerfabrikbesitzers sei, dem Waghäusel gehörte. Sie besuche alle Neuangekommenen und besonders die Kranken und Elenden und Traurigen und helfe, wo immer sie konnte. Deshalb nannte man sie „die Seele von Waghäusel“ Sie stellten mich bei ihr vor und sie führte mich in ihre einfache Behausung, die aus einem Zimmer bestand, das mit einer Decke in Wohn – und Schlafzimmer getrennt war, und erzählte mir ein wenig aus ihrem Leben. Sie wohne mit ihrem reichen Bruder in einem Haus und bestelle für ihn den Haushalt, da er nicht verheiratet sei. Sie sagte, dass ihr Bruder leider nicht gläubig sei, und dass bei ihm alles, was er tut oder unternimmt, sich in Geld verwandle, sodass er ein steinreicher Mann sei, der unermüdlich arbeite, aber keine Zeit für Gott habe. Er gebe ihr, wenn sie ihn darum bittet, genügend Geld für ihre Liebesdienste an den Leuten von Waghäusel, die es ja gut bei ihm als seine Angestellten hatten. Auch für mich erbat sie von ihm eine kleine Summe für die Missionsarbeit in Panama, die sie mir mitgab. Ich blieb mit ihr schriftlich in Kontakt und freute mich über ihre inhaltsreichen Briefe, die mich erreichten. Sie erzählte mir darin einmal, dass sie mit einem gläubigen Mann verlobt gewesen sei, doch als sie darüber betete, wurde es ihr klar, dass sie die Verlobung auflösen sollte, um ihrem alleinstehenden Bruder den Haushalt zu führen. Ich spürte es ihren Zeilen ab, wie sie immer noch an dieser für sie so schweren Entscheidung litt! Doch war ihr Ziel, dass ihr Bruder zu Jesus finden sollte, und so blieb sie bei ihm als „Dienstmagd“!
Ihr Bruder und auch sie
hatten inzwischen das
80.Lebensjahr überschritten, und immer noch ging er auf dem selbst erwählten
„Geldliebe-Wege“ weiter, und sie diente weiter. Da schrieb sie mir eines Tages,
ihr Bruder hätte zu große Schecks an einige seiner Freundinnen ausgeschrieben,
und dann musste er feststellen, dass alle seine Konten leer waren!! Er hatte
vergessen, wieviel er noch hatte und nun war er arm geworden! Das war der
Anfang, dass er Gott zu suchen anfing und seine Schwester half ihm dabei, sich
vor Gott zu demütigen und Jesus als seinen Reichtum anzunehmen! „Nun ist er
gläubig geworden und glücklich, ein reiches Gotteskind zu sein!“ schrieb sie
mir. Sein Leben dauerte nur noch sechs Monate, bis Gott ihn heimrief! Danach
schrieb sie mir: „Nun ist meine Lebensaufgabe beendet!“ Kurz darauf rief Gott
sie heim! Eine Heldin des Opferns und Glaubens, wodurch sie nicht nur ihrem
Bruder sondern vielen anderen zum Segen werden durfte „Nichts für mich, alles für Jesus, der Sein Alles für mich gab!“
„Gutes tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl !“ – „Ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!“
Geschehen in den Jahren 1957-71 und berichtet im Jahre 2003 von Charlotte Teubner in Boquete, Chiriqui, Republ.Panama.
5 Erlebnisse aus Panama
Einleitung
“Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiß nicht, was ER dir Gutes getan hat.“
„Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Die Gnade aber des HERRN währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die IHN fürchten.” Psalm 103, 2, 8 und 17
Missionsdienst in PANAMA seit 1962
Tapfer kämpfte sich der kleine deutsche 3900 Tonnen Bananenfrachter durch die wütenden Wellen der Biscaya (nördlich von Spanien). Wohl alle der acht mitfahrenden Passagiere waren mehr oder weniger seekrank, bis auf eine 41-jährige Berlinerin, die scheinbar Freude an dem Geschaukel des Schiffes und dem Anblick des aufgewühlten Meeres hatte. Doch nach vier Tagen des Sturmes wurde es in der Weite des Atlantiks ruhiger und mehr als 12 Tage sah man nichts mehr als Himmel und Meer. Dazu kam die Ungewissheit: wird die Kubakrise, die Ende Oktober 1962 begann, einen dritten Weltkrieg entfachen? Kriegsschiffe vor der Küste von USA und Hubschrauber über dem Frachter, der nach Bestimmung, Fracht und Passagieren befragt wurde.
Am frühen Morgen des 16. November 1962 landete die “PERSEUS“ am Eingang
zum Panama Kanal im Hafen von Cristobal, wo alle acht Passagiere aussteigen mussten.
Damit endete die 17-tägige Seereise der Berlinerin. Doch wohin nun?! Ihre 16
Gepäckstücke wurden mit dem Kran an Land befördert und hilflos stand sie
daneben. Niemand war da, der sie im fremden Land empfing oder abholte oder ihr
sagen konnte, wohin! Obwohl sie der englischen und spanischen Sprache mächtig
war, half ihr das hier wenig. Schließlich nahm sie der mitleidige Agent der
Schifffahrtslinie mit in sein Büro, wo sie nun wartete, eine, zwei, drei
Stunden, auf wen?!
Schließlich öffnete sich die Tür zum Büro und ein würdiger weißhaariger Herr kam herein, der mich auf der Bank sitzen sah und mich auf Englisch fragte: Sind Sie Miss Teubner? Yes! sagte ich schnell und sein Gesicht erschien mir wie das Gesicht eines Engels! Damit war nun die Frage nach dem Wohin gelöst, denn alles, was ich jetzt zu tun hatte, war mit ihm in seinem Auto nach dem kleinen unbestimmten Ort Chepo, wo das Hauptquartier der New Tribes Mission war, mitzufahren. Zu meinem Erstaunen hatten neben ihm, seiner Frau und mir noch alle 16 Gepäckstücke Platz, die ohne Zollgebühren ihm ohne Umstände ausgehändigt wurden und noch unberührt auf dem Hafenplatz, wo sie abgeladen worden waren, standen. Eine stundenlange Fahrt durch die Kanalzone und Panama City folgte, bis wir endlich gegen Abend in Chepo ankamen, wo mich einige meiner zukünftigen Mitmissionare freudig empfingen.
Einige Tage später begann dort die jährlich stattfindende Panama Feldkonferenz, wo ich alle etwa 18 Missionare kennen lernen konnte. Von den verschiedenen meist negativen Feldberichten beeindruckte mich nur der Bericht von meiner zukünftigen Mitmissionarin Eleanor Larson, die freudig von Gottes Wirken unter den Guaymi Indianern berichtete. Am 11. Dezember war es soweit, dass ich mit Eleanor von Panama City bis David mit einem kleinen Flugzeug und dann mit einem alten klapprigen Bus etwa fünf Stunden bis zu dem kleinen Ort Tolé fahren konnte. Eine Nacht auf dem kalten Feldbett folgte und am Morgen ein unvergesslicher, fast 9-stündiger Ritt auf einem weißen Ross! Als eine an S-Bahn und Straßenbahn gewöhnte Berlinerin, war diese Art des Transportes etwas ungewöhnlich und das Pferd merkte dies sehr schnell und ging so langsam wie nur möglich, was meine an schnelle Ritte gewohnte Eleanor nicht gerade erfreute und ihre Geduld aufs Äußerste strapazierte! Steile Bergpfade bergauf und bergab galt es zu überwinden, einen reißenden Bergfluss zu durchqueren und durch sumpfige Strecken musste das Pferd waten und alles unter der heißen ungewohnten Tropensonne! Als wir schließlich an dem lieblichen Ort Chichica, wie mir schien „Niemandsland“ ankamen, mussten erst die Pferde mit Zuckerrohr versorgt werden und mir wurde das „Bad“ gezeigt, ein Wasserloch, wo unter den Wurzeln eines großen Baumes das Wasser heraustropfte und wo ich mich nach dem anstrengenden Ritt „baden“ konnte. Ein kleines Feldbett in dem schmalen Zimmer des mit Wellblech bedeckten Holzhauses war nun mein Domizil, wo ich aber bald die Strapazen des ersten Rittes vergessen konnte!
Ich genoss den Anblick der herrlichen Bergwelt um mich her, wenngleich
mich manchmal das Gefühl einer großen Einsamkeit und Verzagtheit überwältigen
wollte, doch immer wieder tröstete mich Gott mit Seinem untrüglichen Wort:
„Siehe, ICH BIN BEI EUCH alle Tage, bis an der Welt Ende!“ und auch dort in Chichica!
Doch über Einsamkeit konnte ich wirklich nicht klagen, denn täglich kamen immer
neue Indianer, um die “neue Gringa“, wie man hier die Ausländer nennt, zu sehen
und um Medizin für alle möglichen und unmöglichen Krankheiten zu erbitten. So
war meine Hauptaufgabe für die ersten drei Jahre die medizinische Betreuung der
kranken Indianer. Und nebenbei das Erlernen und die Analyse der zum Teil noch
unerforschten Guaymi-Sprache mit Hilfe von auf Tonband aufgenommenen
Guaymi-Geschichten.
Ich war nicht die erste, die zu den Guayrnis gekommen war, Eleanor und zwei andere Missionarinnen waren schon vor mir in dies noch bisher unerreichte Territorium Satans eingedrungen. Doch merkte ich den geistlichen Kampf mit den Mächten der Finsternis, die mich körperlich und seelisch “fertigmachen“ wollten. Eine schwere Augenkrankheit und später eine unerklärliche Erschöpfung wollten mir die Weiterarbeit unmöglich machen, ABER GOTT, der die Geringen tröstet, tröstete mich und richtete mich auf wunderbare Weise immer neu auf!
Eine wunderbare Geschichte von vielen Jahren der Gnade und Geduld Gottes begann nun für mich. Zunächst fast acht Jahre auf der Bergstation Chichica im Guaymi-Gebirge mitten unter Indianern, Eleanor und ich, später noch zwei Holländerinnen für einige Zeit, als einzige Nicht-Indianerinnen (außer den dort ansässigen spanisch sprachigen Latinos)! Auch die einzige medizinische Hilfe für die Kranken und die von Zahnweh geplagten Indianer! Aber auch der einzige Ort, wo Gottes Wort, das Wort von Gottes Liebe und dem Sündentilger Jesus verkündigt wurde. Bisher suchten die Guaymi immer Hilfe bei ihren Zauberdoktoren für alle ihre Probleme, wir aber konnten ihnen von dem mächtigsten aller „Zauberer,“ der Macht hat, alle Probleme zu lösen und alle Hilfe zu geben, JESUS, dem Sohne Gottes sagen. „Das ist ein Gutes Wort, was Ihr habt,“ hörten wir sie dann oft sagen. “Unsere Zauberer aber haben ein böses Wort!“
Und so entstanden bald Gruppen von Gläubigen, durch Jesu Macht befreite Menschen, die das „Gute Wort“ anderen weitersagten. Das Wort Gottes „lief“ förmlich über die Berge!
1971 hieß es dann ins Tal hinabsteigen und in dem Latinostädtchen Tolé den Indianern weiter zu dienen, für mich meistens in der Spracharbeit und der Übersetzung des Neuen Testamentes. Aber auch in der Übersetzung von spanischen Evangeliumsliedern, von deren Texten die Indianer aber wenig verstanden hatten, die nun in ihrer Sprache jedoch eine ganz neue Bedeutung für sie gewannen. 17 Jahre in Tolé mit vielem Auf und Ab der Erfahrungen, Kämpfen und Siegen, aber auch manchen Niederlagen, sind eine lange Zeit, aber alle Tage, auch diese, sind „in Sein Buch geschrieben “. Viele Beterinnen begleiteten mich auf diesen wechselvollen, gefahrvollen Wegen, die oft durch ihre Gebete den Kurs der Ereignisse gewendet haben und ohne die ich sicher schon längst vom Missionsfeld vertrieben worden wäre, oder als „Trophäe des Teufels“ auf einem falschen Geleise gelandet wäre.
Nach dem Heimatjahr 1988/89 wurde ich an einen ganz anderen Ort versetzt, in das Bergstädtchen Boquete, wo auf den dortigen Kaffee-Farmen viele Guaymi-Indianer tätig waren, deren ich mich irgendwie helfend annehmen sollte. Gott öffnete Türen für Kinder- und Frauenarbeit, für Radiosendungen in der Guaymi-Sprache, für Frauenkonferenzen und Seminare und ER gab mir ein eigenes Haus und dazu ein Gästehaus, wo manche müde Pilger Ruhe finden konnten! Wunder der Gnade Gottes! Auch die drei Indianermädchen Abelina, Sara und Meli, die bei mir wohnen und treue Mitarbeiterinnen in der Kinderarbeit auf verschiedenen Farmen wurden und es noch sind und immer mehr in den Verkündigungsdienst hineinwachsen, sind ein Wunder der Gnade Gottes!
Wenn auch vieles sehr
unvollkommen und bruchstückhaft ist, so füllt der HERR unseren Mangel aus und
macht uns zu Mitarbeitern beim Bau Seines Reiches, das ER vollkommen macht!
Gott baut oft Sein Reich mit „Scherben“, mit zerbrochenen Menschen, die nichts
in sich selbst sind, schwach in sich selbst, “damit die Kraft Christi bei mir
wohne“, wie der große Heidenapostel Paulus es von sich selbst sagt.
So gebührt IHM, unserem wunderbaren HERRN, der uns in Seinen Dienst genommen hat, allein die Ehre, Lobpreis und Anbetung! Und allen Mitarbeitern in der Heimat wird der gleiche Lohn in der Herrlichkeit zuteil werden!
“Welch ein HERR, welch ein HERR! IHM zu dienen, welch ein Stand!“
Und wir stehen wartend vor IHM, dass ER kommt und die Seinen heimholt, ER, der gesagt hat: „Siehe, ICH komme bald und Mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden!“ Ja, komme bald, HERR JESUS!
6 Erlebnisberichte
Wegbericht, Dezember 1970
„ICH will alle Meine Berge zum Wege machen und
Meine Pfade sollen gebahnt sein!“
Jesaja 49, 11
Wie sehr unser Leben einem Wege gleicht mit oft scheinbar unüberwindlichen Hindernissen, wurde mir bei unserem letzten Ritt von der Stadt Tolé zu unserer Missionsstation Chichica gezeigt.
Wir drei Missionarinnen, Eleanor, Niesje und
ich hatten es nicht für nötig gehalten, diesmal um gutes Wetter und trockene
Pfade zu beten, denn Ende Dezember regnet es ja fast nicht mehr und die Pfade
sind dann eben trocken. Wozu dann noch beten?! Doch in diesem Jahr war es eben
nicht so! Nachdem es im November
schon so aussah, als ob die Trockenzeit begonnen hatte, prasselten im Dezember
immer wieder die schweren tropischen Regenschauer hernieder. Was das für unsere
Bergpfade bedeutet, machten wir uns nicht recht klar, denn recht unbeschwert
machten wir uns am Morgen des 23. Dezember 1970 mit unseren vier Pferden auf
den Weg. Unser Führer, der Indianerbruder Pollito bemerkte nur ganz lakonisch:
„Die Wege sind noch genauso!“ was keinen Anlass zu Befürchtungen gab, denn sie
waren fast ausgetrocknet, als wir vor vier Wochen von Chichica fort
ritten. Ja, der tiefe
„Schlammsee“, ca. 20 Minuten von Tolé entfernt, war noch da, wo die Pferde bis
ziemlich am Bauche im Schlamm standen, doch wir kamen alle gut da
hindurch. Die vielen Wasserlöcher
am ersten Berghang konnten wir auch noch ganz gut überwinden und wir ritten
mutig weiter. Da kommt ein junger Mann aus Chichica, ein ausgezeichneter Reiter
uns entgegen. Sein kleines Pferd ist über und über mit Schlamm bedeckt und auf
unsere Frage sagte er mit besonderem N
achdruck: „Die Wege sind
furchtbar schlecht! Viel, viel
Schlamm!“ und schnell reitet er weiter. Es wird nicht so schlimm sein, denke ich und wir haben größere und
stärkere Pferde als er! Es geht auch ganz gut, bis Eleanor, die auf dem zahmen
weißen Pferde „Mancito“ reitet, plötzlich stoppt und nach kurzem Überlegen es
vorzieht, abzusteigen. Nies und ich folgten ihrem Beispiel. Wo ist nur der Weg geblieben?! Zwischen den beiden
Stacheldraht-Zäunen, durch die die „Hauptstrasse“ hindurchführt, sieht man
nichts als rotbraune tiefe Schlammpfützen! Nur dicht an den Zäunen, die viel
höher als der ausgetretene Weg sind, ist noch etwas fester Boden, auf dem wir
uns nun vorsichtig Schritt für Schritt vortasten! Auf Eleanors Seite geht es
nicht mehr weiter und sie versucht auf unsere Seite hinüberzuwechseln. „Zieh
mich doch hoch, Charlotte!“ ruft sie. „Die Böschung ist zu steil und hoch und
ich komme nicht alleine da hinauf!“ Ich versuche, mir einen festen Halt zu verschaffen, merke aber, dass das
kleine Stückchen Erde, auf dem ich stehe, nachzugeben beginnt, sodass ich in
Gefahr bin, in den Schlamm hinunterzurutschen! „Hilf mir, Eleanor, rufe ich ihr zu, ich falle!“ So gut sie
kann, hilft sie mir von unten, dass ich wieder einen festen Halt bekomme und
schließlich kann ich sie zu mir hinaufziehen. Wie sehr brauchen wir doch einander, wenn wir in Gefahr
sind, im Schlamm der Sünde zu versinken!
Doch der „feste Boden“ ist gefährlich schlüpfrig und bald rutscht Eleanor aus und sitzt im Schlamm am Boden! Wie gut, dass wir nicht im Schlamm sitzen bleiben müssen, sondern uns erheben können und weiter wandern! „Ein Gerechter fällt sieben Mal und steht wieder auf, aber die Gottlosen versinken im Unglück!“ heißt es in den Sprüchen (24, 16). So steht sie wieder auf und, obwohl schmutzüberkrustet (sie versucht einiges davon auf einem kleinen Grasfleck loszuwerden) wandert sie weiter. Nies sagt: „Ich brauche einen Stock, um mehr Halt zu haben, doch meine Schuhe sind ziemlich rutschfest!“…, Ob es der fehlende Stock war, oder die doch nicht ganz rutschfesten Schuhe, auch sie rutscht aus und sitzt im Schlamm am Boden, erhebt sich aber und wandert weiter! Ich balanciere immer noch auf den rutschigen Bergpfaden, die wie ein Waschbrett aussehen, und gebe es schließlich auf, auf den erhöhten Stellen des Waschbrettweges zu balancieren und stapfe einfach durch die Schlammlöcher. Ich finde am Wegesrande einen Stock, nein einen kleinen Baumstamm, mit dem ich nun sicherer durch die rutschigen Wege wandern kann! Ich finde damit auch einen Nebenpfad‚ auf dem ich nun etwas sicherer weiter wandern kann und komme mir dabei vor, wie der Rübezahl im Riesengebirge! Das hohe Gras versperrt mir alle Aussicht und nur notdürftig bahne ich mir mit dem Zaunspfahl einen Weg. Wie froh bin ich aber, als ich endlich den Ausgang zur Hauptstrasse wieder finde, wo ich nun weiter versuche, auf den kleinen Rändern der Schlammlöcher herumzubalancieren. Hin und wieder gibt es einige trockenere Stellen. Doch dann stehe ich bald wieder vor einem scheinbaren Unmöglich. Hier komme ich nicht durch, denke ich und doch kann ich nicht zurück und kann auch nicht stehen bleiben und auf Hilfe warten, sondern muss weiter und hindurch! Ich staune immer wieder, wie ich hindurch gekommen bin und weiß aber auch, dass es in unserem Leben keine Wegstrecke gibt, die zu schwierig wäre, wo wir nicht hindurch kommen könnten! Denn Jesus hat uns verheißen in Seinem Wort: “Es hat Euch bisher noch keine als menschliche Versuchung betreten, aber Gott ist getreu, der zugleich mit der Versuchung den Ausgang schafft, dass ihr‘s könnt ertragen!“ (1. Kor.10, 13). Wie wunderbar, dass es in unserem Leben keinen Grund zum Verzagen oder Verzweifeln gibt, auch nicht auf der schwierigsten Strecke unseres Lebens! Es geht immer noch langsam vorwärts, doch schließlich komme ich am Flussufer an. Nies und Eleanor sind schon auf ihren Pferden und machen sich an die Überquerung des etwa 90 m breiten Cuvibora Flusses. Wir sind froh und dankbar, dass wir alle drei ohne Schaden hier unten ankamen!
„Der Fluss ist ganz trocken!“ sagen die Indianer, doch geht das Wasser unseren Pferden meist bis an den Bauch. Die Strömung ist noch recht stark und ich muss aufpassen, dass mein Pferd nicht zu nahe an die Stromschnellen herankommt und von der Strömung mitgerissen wird. Das schnell fließende Wasser macht mich ganz schwindelig, wenn ich länger nach unten schaue, so hebe ich meine Augen auf zu den blauen Hügeln vor uns und überlasse es meinem Pferde, den rechten Pfad durch den Fluss zu finden. Ich denke an die Verheißung Gottes: „So du durchs Wasser gehst, will ICH bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen!“ (Jesaja 43, 2).Wie wunderbar, dass unser großer Gott bei seinen kleinen verzagten Kindern ist, auch wenn es durchs Wasser geht, sei es nun ein Bergfluss, oder seien es die Wasser der Trübsal! ER ist da und steht uns bei!
Auf der anderen Seite des Flusses sind die noch steileren Bergpfade doch noch trockener und frohgemut reiten wir weiter. Die kurzen Schlammstrecken, die uns hier und da begegnen, stören uns jetzt wenig, denn sie sind ja nichts im Vergleich zu dem, was hinter uns liegt. Wie verlieren doch kleinere Nöte ihre Schrecken, wenn man durch größere und tiefere Nöte vorher schon gegangen ist und dabei die Durchhilfe Gottes erlebt hat!
Wir sind jetzt erst knapp drei Stunden unterwegs und noch liegen etwa fünf Stunden Weges vor uns! Es geht jetzt bergauf, immer bergauf, fast eine Stunde lang. Nur hin und wieder müssen wir absteigen und unsere Pferde allein die ganz schwierigen steilen Strecken hinaufklettern lassen. Hin und wieder ergreifen wir die Schwänze unserer Pferde, um uns von ihnen hinaufziehen zu lassen! Wie froh sind wir jedoch, als wir auf der Höhe des Berges angelangt sind! Hier scheint es, als ob wir dem Himmel, der tiefblau über uns ausgespannt ist, viel näher sind. Mengen von Sträuchern mit gelben und purpurnen Blüten umgeben uns hier und der Jubelgesang der Vögel dringt an unser Ohr! Wir freuen uns an all der Schönheit, die uns hier umgibt und uns zur Anbetung des großen wunderbaren Schöpfers treibt. Der grausige „Berg des Schweigens“, wie ihn die Leute nennen, liegt nun weit hinter uns und auch der rauschende Fluss sieht von der Höhe klein und unbedeutend aus. Von oben sehen die Dinge, die von unten gesehen uns so viel Schrecken und Not bereiten, so ganz anders aus, klein und unbedeutend! Möchten wir doch immer alles in unserem Leben „von oben her“ sehen, wie würde dann vieles den Schrecken verlieren! Wie gern würden wir hier oben verweilen und nicht wieder in ein schlammiges Tal hinuntersteigen! Geht das uns nicht auch oft so nach besonderen Höhenerlebnissen! Und doch führt der Höhenweg bald wieder hinunter in ein Tal! Hier, wo die Sonne nicht hinkommt, sind wieder die schrecklichen Schlammlöcher! Ja, wo Jesus, das Licht der Welt nicht hinein scheinen kann, da versinken die Menschen im Schlamm der Sünde! Doch finden wir hier unten in dem kleinen Tal ein Bächlein, an dem sowohl die Pferde, als auch wir unseren Durst löschen können. Ist dies nicht auch ein Bild für die Liebe Jesu, die sich immer in die tiefsten Stellen unserer menschlichen Not hinein ergießt, um unseren Durst nach Liebe und Leben zu stillen?!
Doch die Pferde sind jetzt verhältnismäßig leicht zum Reiten und zum Gehen zu bewegen und wir reiten frohgemut weiter.
Aber da steht am Horizont groß und drohend eine Berggruppe vor uns, die wir noch überwinden müssen, der „Baumwollberg“! Doch liegt er noch in respektvoller Entfernung vor uns, aber mit jedem Schritt kommen wir diesem Riesen näher, und je näher wir ihm kommen, umso unüberwindlicher erscheint er uns. -Die Pferde sind genauso müde wie wir und nach wenigen Schritten stehen sie bei dem steilen Aufstieg still. Es ist furchtbar mühsam, sie immer wieder neu anzutreiben und in Bewegung zu bringen. Lange können wir unseren müden Pferden nicht unsere „gewichtigen Persönlichkeiten“ auf ihrem Rücken zumuten. Und so steigen wir ab. Es ist uns schon eine Hilfe, wenn wir uns am Schwanz der Pferde festhalten können und uns von ihnen den Berg hinaufziehen lassen. Wir müssen allerdings sehen, dass wir mit den Pferdebeinen Schritt halten, was nicht immer einfach ist.
Doch immer ist noch gerade soviel Kraft vorhanden, wie wir sie gerade für den nächsten Schritt brauchen und für den nächsten Schritt ist dann wieder die Kraft da, die wir gerade brauchen, wenngleich wir auch bei jedem Schritt meinen, jetzt sind wir am Ende unserer Kraft angelangt! Doch auch der längste und schwierigste Berg hat mal ein Ende, und erschöpft, aber doch so froh und dankbar liegen wir eine Weile still auf der Höhe und sehen, dass die Bergwelt wieder zu unseren Füssen liegt! Wunderbar ist die Schau von oben! Bald jedoch erkennen wir, dass auch dies kein endgültiger Ruheort ist. Dunkle Regenwolken steigen auf und auf einigen ferneren Bergen sehen wir Regenschauer hernieder gehen! Doch, wo sind denn nur unsere Pferde geblieben?! Während wir uns erschöpft auf der Höhe ausruhten, haben sie sich still und leise davon gemacht, denn sie merkten, dass es doch leichter für sie ist, ohne unsere „gewichtigen Persönlichkeiten“ auf ihrem Rücken zu wandern. Nur Alazano, unser schon sehr altes Packpferd, muss unentwegt seine Lasten schleppen! Doch er bleibt unter seiner Last und geht geduldig seinen Weg und versucht immer als erster auf diesen Wegen zu gehen, die er so viele Hundert Male schon gegangen ist unter seinen schweren Lasten!
Endlich holen wir unsere Pferde ein, die ein Stück saftiger Weide zum Grasen gefunden haben! Die letzte Stunde unseres langen Weges liegt nun noch vor uns, aber wir reiten jetzt über eine weite Ebene, vorbei an friedlich grasenden Kuhherden. In der Ferne grollt der Donner, Regenwolken ballen sich zusammen, doch immer noch scheint die Sonne und ich suche den Regenbogen. Da sehe ich ihn, doch so ganz anders als sonst, als ein merkwürdig buntes Licht, das sich über die Hügel und Wiesen ergießt! Alles ist in dieses wunderbare Licht getaucht! Der Regenbogen ist auf die Erde gekommen!! Ich denke an die Herrlichkeit Gottes, die in der Menschwerdung Jesu in unsere sündige Welt hinab kam, sodass wir auch in Seinem wunderbaren Licht wandeln können, hier noch in begrenztem Maße, aber einst in der himmlischen Herrlichkeit in Vollkommenheit! Und ich denke daran, dass die Leiden der Jetztzeit, die Schwierigkeiten unserer oft so schlammigen Wege, nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns soll offenbar werden! (Röm. 8, 18)
Von ferne winkt unser Heim, unser kleines weißes Häuschen und beim Anblick des Zieles ist es nicht schwer, die Strapazen der letzten Strecke zu überwinden! Daheim!! Wie wird es jedoch erst sein, wenn wir am Ende unseres Weges daheim sein dürfen bei dem HERRN allezeit!!
Ja, wir sind immer noch auf dem Wege zur Herrlichkeit, wie wird es erst sein, wenn wir am Ziele angelangt sind!!! HERR, bringe uns durch Deine Gnade ans himmlische Ziel!
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